I. Grundlagen der thomanischen Erlösungslehre

1. Die Gottebenbildlichkeitslehre und die anthropozentrische Denkform

Es kann als eine der großen Endeckungen der jüngeren Thomasforschung bezeichnet werden, dass Thomas mit Beginn des zweiten Buches seines theologischen Hauptwerkes, der Summa Theologiae, mit der „Gottebenbildlichkeitslehre“ zugleich auch einen Perspektivenwechsel einleitet. Handelt Thomas schon im ersten Buch der Summa über weite Strecken über den Menschen, wenn er Gott und seine Schöpfung untersucht, wird der Mensch mit Beginn des zweiten Buches selbst zum zentralen Thema. Und da der Mensch nicht einfach Kreatur, sondern darüber hinaus Ebenbild Gottes ist, kann Thomas auch die Ausführungen des zweiten Buches über den Weg des Menschen zu Gott Theologie nennen und bleibt so auch in einer mehr anthropozentrischen Perspektive seiner zu Beginn der Summa formulierten Devise treu, „alles, was zur Theologie gehört, auf Gott hin zu denken“.1

Wenn der Mensch, wie noch zu betonen sein wird, im Ausgriff des Willens auf das bonum universale (und im Vorgriff des Verstandes auf das universale verum), sich gewissermaßen im Vorgriff auf ein „letztes Ziel“ (und eine „erste Wahrheit“) verwirklicht, dann übersteigt er sich in thomanischer Sicht von Anfang an auf das, „was alle Gott nennen“. Gegenüber dem ersten Buch der Summa ist damit die Perspektive (bzw. Denkform)2 deutlich verändert: Thomas möchte und kann begründet Theologie auch als Anthropologie zur Sprache bringen; denn wann immer er vom Menschen spricht, handelt er unausdrücklich zugleich von Gott als Ursprung, Ermöglichungsgrund und Ziel allen Menschseins.

Dass die im Prolog zum zweiten Buch aufgenommene theologische Deutung des Menschen als imago Dei alles andere als ein einleitender, schmückender Euphemismus ist, sondern als Generalthema des Zweiten Buches3 den gerade erwähnten „neuen Einsatzpunkt des Denkens“4 gewährleistet, wird gleich in den ersten Fragestellungen unterstrichen. Nicht mehr aus der Perspektive des göttlichen exemplar, sondern ausgehend von der Eigenstruktur des menschlichen Bildes und seiner Handlungsprinzipien, wird von dem vernunftgemäßen Handeln des Menschen auf die grundsätzliche Zielbestimmtheit des menschlichen Lebens geschlossen.5 Der Mensch hat ein unbegrenztes, rein formales Verlangen nach dem bonum universale, nach dem schlechthin Guten, nach der Glückseligkeit. Die formale Ausgerichtetheit auf das Gute begründet die Freiheit gegenüber allen kategorialen Dingen und Gütern, darin zugleich aber auch die Notwendigkeit, sich dem umfassendsten und vollkommenen Gut des Lebens in der Mannigfaltigkeit und unbegrenzten Vielfalt des sittlichen Handelns zu nähern;6 und dies nicht, weil Gott den Menschen nicht auch auf andere Weise zum Heil führen könnte, sondern - und diese Aussage des Thomas ist in Hinblick auf die Konzeption seiner Erlösungslehre sehr ernst zu nehmen - damit die „Ordnung der Dinge“ erhalten bleibt.7

                                                               
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1 Vgl. STh I 1,3.
2 Vgl. Metz, Johann Baptist, Christliche Anthropozentrik. Über die Denkform des Thomas von Aquin, München 1962; Merks, Karl-Wilhelm, Theologische Grundlegung der sittlichen Autonomie. Strukturmomente eines „autonomen“ Normbegründungsverständnisses im lex-Traktat der Summa theologiae des Thomas von Aquin, Düsseldorf 1978, S. 76.
3 Vgl. Kleber, Hermann, Glück als Lebensziel. Untersuchungen zur Philosophie des Glücks bei Thomas von Aquin, Münster 1988, S. 161, 163.
4 Vgl. Schockenhoff, Eberhard, Bonum hominis. Die anthropologischen und theologischen Grundlagen der Tugendethik des Thomas von Aquin, Mainz 1987, S. 97.
5 Vgl. STh I-II 1,1-3.
6 Vgl. STh I 77,2.
7 „...operatio hominis non praeexigitur ad consecutionem beatitudinis propter insufficentiam divinae virtutis beatificantis: sed ut servetur ordo in rebus.“ STh I-II 5,7 ad 1.