I. 2. Die anthropologische Ausgangssituation

Paradoxerweise nimmt Thomas diese im Grunde sehr optimistische Bestimmung menschlicher Existenz zugleich auch als Negativfolie seiner Soteriologie, wenn er in der Sünden- und Erbsündenlehre auf die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen zu sprechen kommt. Denn umgekehrt bedeutet das beständig heilsbedeutsame Tun des Menschen ja, dass der Mensch das Heil erst noch zu erlangen hat und - eine unvollkommene Erschaffung des Menschen ist für Thomas aus verschiedensten Gründen auszuschließen - verloren haben muß.

Sicher, ein moderner Thomasinterpret könnte auch hier an der zuvor beschworenen optimistischen Einschätzung menschlicher Existenz festhalten wollen, könnte man doch die thomanische Sünden- und Erbsündenlehre als einen Platzhalter für die fragmentarische und unabgeschlossene Situation menschlichen Lebens nehmen oder in ihr eine spekulative Letztbegründung der in der menschlichen Vernunft keinesfalls fest implementierten Pflicht zum Guten sehen (reicht doch die bloße „Ausrichtung auf das Gute“ als Verpflichtungsgrund für sittlich gutes Handeln allein nicht aus), wenn dabei nicht die Ernsthaftigkeit, mit der Thomas die Sünde des Menschen anspricht, nivelliert würde.

In dem, was er peccatum originale nennt, haben die ersten Menschen für sich und ihre Nachkommen die mit ihrer Erschaffung gegebene Gemeinschaft mit Gott verloren; und damit zugleich auch die innere Harmonie und Ordnung ihrer Seelenkräfte, werden sie doch in thomanischer Sicht durch die Liebe aufeinander abgestimmt und auf ein gemeinsames Ziel finalisiert.8 Wenn jedoch die Heilsgeschichte Gottes nicht gleich mit dem Sündenfall der „ersten Menschen“ bereits zu Ende ist, dann liegt der Grund für Thomas darin, dass Gott einen anderen Weg findet (gefunden hat), die Menschen mit seiner Gnade wieder zu erreichen.
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8 Der Verlust der gewissermaßen gottgebenenen und selbstverständlichen Ausrichtung auf Gott bewirkte zwar weder die Zerstörung und Außerkraftsetzung der natürlichen Seelenkräfte (vgl. STh I-II 85,3) noch ihre bleibende Qualifizierung zum Negativen (STh I-II 85,2), verminderte aber - wie Thomas sich ausdrückt -  ihre „Neigung zum Guten, zur Tugend“ (STh I-II 85,1).