I. 3. Die soteriologische Reflexion

Bereits in der Erbsündenlehre gibt Thomas Auskunft über den „Weg“ der Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, den „Weg“ der Erlösung. Der Verlust von Gnade und Gottesgemeinschaft durch das peccatum originale ist zwar für den Menschen mit seinen natürlichen Kräften „irreparabel“, doch kann die rechte Ordnung und die Verbindung des Menschen mit dem Ziel seines Lebens durch göttliche Hilfe wiederhergestellt werden.9 Damit meint Thomas jedoch kein für Gott prinzipiell mögliches10 ungeschichtliches Eingreifen - wie bereits erwähnt, ist die Wahrung der „Ordnung der Dinge“ bei der theologischen Reflexion auf Gottes Erlösungswirken ja mit ein Hauptcharakteristikum thomanischer Theologie -, sondern das geschichtliche Erlösungsereignis in Jesus Christus. Näherhin ist damit - die soteriologischen Aussagen des dritten Buches der Summa einbeziehend - die erlösende Wirkweise des Lebens, Leidens und Sterbens Jesu Christi gemeint, die durch die Termini „Verdienst“, „Genugtuung“, „Opfer“, „Loskauf“, und „Wirksamkeit“ erklärt werden.

Es kam einer weiteren „kopernikanischen Wende“ in der Thomasforschung gleich, die Position des Thomas zu gewärtigen, dass er die ersten vier genannten - ihm von der Tradition vorgegebenen - Erklärungsmodelle in das umfassendere und zuletztgenannte formalere Modell der „Wirksamkeit“ integriert: Denn im Unterschied zu den anderen Erlösungsmodellen leistet das Verständnis der Erlösung als „instrumentalursächliche Wirksamkeit der Menschheit Jesu“, dass es allgemeiner und formaler ist, die anderen Wirkweisen umfaßt und damit die Heilsbedeutsamkeit des gesamten Lebens, der Menschheit Christi insgesamt, soteriologisch auswertet, so dass eine vorschnelle und zu kurz greifende Interpretation einzelner Heilsmomente des Lebens Christi vermieden wird. Der Instrument-Begriff ermöglicht erstmals "ein zusammenhängendes Verständnis des Erlösungsgeschehens bis hin zur subjektiven Aneignung"11 und vermag dadurch etwaige forensisch-iuridische Assoziationen gar nicht erst aufkommen zu lassen; ist doch im Begriff des „Instruments“ eine diesem Instrument eigentümliche „Wirkung“ gewissermaßen immer schon impliziert: In einem Freiheit gewährenden „geistigen“ Kontakt (contactus spiritualis) ermöglicht das Gott auf einmalige Weise verbundene Instrument (die Menschheit Jesu Christi) den Menschen, sich freiheitlich auf es zu beziehen, d.h. in „Glaube“ und „Liebe“ zu antworten. Das Gott auf einmalige Weise verbundene Instrument wird in der Weise effizient, dass göttliches und menschliches Wirken ineinandergreifen, also da, wo das Wirkzeichen Gottes (in Glaube und Liebe) verstanden und aufgenommen wird.12 Indem das instrumentalursächliche Verständnis (der Wirkweise) der Menschheit Jesu Christi verdeutlicht, wie die Menschheit Jesu Christi direkt ihren „Effekt“ wirkt und damit das Zueinander von göttlichem und menschlichem Tun in der Erlösung zum Ausdruck bringt, wird die Vorstellung, dass das Leben und die Passion Christi dem Menschen in einem iuridischen Verständnis entweder verdienstlich oder satisfaktorisch von Gott „angerechnet“ werden, schon im ersten Ansatz vermieden.

Doch obgleich das „instrumentalursächliche“ Erlösungsmodell aus den genannten Gründen am geeignetsten ist, die Erlösung - so wie Thomas sie versteht - zu erklären, hat es auch einen Nachteil; nämlich dass das Erlösungsgeschehen in einer sehr formalen Weise erklärt und letztlich - wie die anderen Erlösungsmodelle - erst von dem umfassenderen soteriologischen Motiv einer Liebe, die zu Glaube und Liebe befreien will, her verständlich wird.

Läßt sich dieses in allen „Wirkweisen“ allenthalben nachweisbare und durch keines der genannten Erlösungsmodelle erschöpfend aussagbare soteriologische Motiv einer zur Liebe befreienden Liebe für die heutige Zeit noch tiefer verstehen? Läßt sich, ausgehend von einer erneuten Reflexion auf die Bedingungen und die Reichweite menschlichen Handelns (und damit aus dem besonders für das zweite Buch der Summa charakteristischen anthropozentrischen Blickwinkel), die für die gesamte Theologie des Thomas typische, wechselseitige Akzentuierung von Gnade und menschlicher Freiheit und damit die Erlösungslehre der Summa insgesamt tiefer durchdringen und „auf den Begriff“ bringen?
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9 „...si per peccatum corrumpatur pricipium ordinis quo voluntas hominis subditur Deo, erit inordinatio, quantum est de se, irreparabilis, etsi reparari possit virtute divina. Principium autem huius ordinis est ultimus finis, cui homo inhaeret per caritatem.“ STh I-II 87,3.
10 „Deus enim per suam omnipotentem virtutem poterat humanam naturam multis aliis modis reparare.“ STh III 1,2.
11
Kessler, Hans, Christologie, in: Schneider, Theodor, Handbuch der Dogmatik Bd. 1, Düsseldorf 1992, S. 356. Vgl. Kessler, Hans, Die theologische Bedeutung des Todes Jesu. Eine traditionsgeschichtliche Untersuchung, Düsseldorf 21971, S. 215-223; Pesch, Otto Hermann, Theologie der Rechtfertigung bei Martin Luther und Thomas von Aquin, Mainz 2/1985, S. 578-581.
12 „Christus wirkt ‘erlösend’ stets so, dass er uns zur Freiheit des Glaubens und der Liebe ... erschließt. Er geht die ‘via caritatis’ und eröffnet sie uns.“ Kessler, Hans, Die theologische Bedeutung des Todes Jesu, S. 221. Vgl. Anm. 11.