II. Relecture der thomanischen Erlösungslehre
1. Relecture der anthropologischen Ausgangssituation

Auf die Bedingungen und die Reichweite menschlichen Handelns wird in der Summa Theologiae an den verschiedensten Stellen eingegangen, besonders ausführlich - wie zu Anfang des Artikels bereits erwähnt - in den Fragestellungen zu Beginn des zweiten Buches: Wie gesagt, der Mensch hat ein unbedingtes, rein formales Verlangen nach der Glückseligkeit, nach dem unendlich Guten. In der formalen Ausrichtung des Menschen auf die Glückseligkeit gründet seine Freiheit zu den partikulären und vielfältigen Gütern, die dadurch angestrebt werden, dass der Mensch sich auf Mittel bezieht, durch die sie ihm erreichbar erscheinen.13 Bemerkenswert ist nun, dass der Mensch nach Thomas - der sich hier streng an der Nikomachischen Ethik des Aristoteles orientiert - nur diejenigen Güter und Objekte als Mittel zur Erreichung eines Zieles einbeziehen kann, die für diesen „mit eigenen Kräften“ erreichbar bzw. „im Bereich seiner Möglichkeiten“ und für ihn „nicht unmöglich“ sind.14 Und doch kennt Thomas wie Aristoteles eine Möglichkeit, wie ein Mensch auch zu etwas vordringen kann, was seine Möglichkeiten prinzipiell überschreitet; nämlich für den Fall, dass ein Mensch mit jemand anderem „eins“ ist. Eine solche zwischenpersonale Einheit ist zum Beispiel in einem Abhängigkeitsverhältnis gegeben (wenn z.B. ein Überlegener einen von ihm Abhängigen für seine Zwecke instrumentalisiert)15, daneben aber auch in der affektiven Einheit unter Freunden: „Durch die Einheit in der Liebe kann ein Freund die Handlungen seines Freundes in seine Überlegungen einbeziehen.“16 Weil zwei Freunde aufgrund ihrer Freundschaft umeinander besorgt sind wie um ihr eigenes Selbst, vermag ein Mensch mit Hilfe seines Freundes die Reichweite seines Handelns zu vergrößern, die eigene Begrenztheit um die Möglichkeiten des Freundes zu erweitern und durch den Freund zu handeln.

Deutet sich hier an, dass die - von vielen Kommentaren für das Verständnis der thomanischen Theologie als zentral apostrophierte - Freundschaftslehre eine bislang zu wenig beachtete Schlüsselfunktion auch und gerade in der Erlösungslehre innehat, mit der sich die thomanische Soteriologie womöglich in anthropologischer Perspektive erschließt?

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13 Vgl. STh I-II 6,2; 9,3.
14 Vgl. STh I-II 13,4.5; 14,3.
15 Vgl. STh I-II 13,4 ad 4.
16 „...de aliorum factis consilium quaerimus, inquantum sunt quodammodo unum nobiscum: ... per unionem affectus, sicut amicus sollicitus est de his quae ad amicum spectant, sicut de suis“. STh I-II 14,3 ad 4.