II. 2. Relecture der soteriologischen Reflexion

In theologischer Reflexion spricht Thomas die menschliche Begrenztheit Gott gegenüber in zweifacher Weise an. Denn zum einen liegen sowohl das Ziel menschlichen Lebens (Gott) als auch - etwas technisch, aber in thomanischer Terminologie ausgedrückt - das Mittel, durch die es zu erreichen ist (das „Ankommen der Liebe Gottes im Menschen“, die Gnade), jenseits menschlicher Möglichkeiten. Und zum anderen bedeutet das „Ohne-Gnade-Sein“ (als Konsequenz des peccatum originale) immer zugleich auch Schuld, deren Sühnung in thomanischer Sicht ebenfalls für den Menschen mit seinen endlichen Kräften nicht zu leisten ist. Besteht schon „an sich“ zwischen Gott und Mensch, zwischen Unendlichem und Endlichem, ein unendlicher Abstand17, erscheint er aufgrund der für den Menschen nicht „sühnbaren“ Schuld endgültig unüberbrückbar.

Heißt das nun aber, dass jeder Versuch, die Erlösung anthropologisch zu erklären, in den thomanischen Texten keinen Anhalt findet und vor dem Hintergrund der skizzierten menschlichen Handlungsdisposition von vornherein zum Scheitern verurteilt ist? Oder kann in dieser Frage etwa - ohne mutwillig etwas in den thomanischen Text hineinzulesen - das im letzten Abschnitt angesprochene Freundschaftsverständnis weiterhelfen?

Bei genauer Lektüre zeigt sich, dass Thomas den Freundschaftsgedanken dort erneut aufgreift, wo er die Frage nach der Erlangung der Glückseligkeit (de adeptione beatitudinis) thematisiert. Um die Möglichkeit des freien Willens zu Gott durch göttliche Hilfe zu erklären, sagt er (mit Aristoteles): „Was wir durch Freunde können, ist irgendwie durch uns selbst getan.“ („Quae enim per amicos possumus, per nos aliqualiter possumus.“)18 Ebenso zeigt eine nähere Durchsicht der oben angesprochenen Fragen nach der Wirkweise der Passion Christi, dass durch die Möglichkeit der Überschreitung der eigenen Handlungsreichweite in der Freundschaft auch die zweite „Grenze“ menschlicher Handlungsmöglichkeit überwindbar ist. Denn zur Lösung des Dilemmas, dass der Mensch aufgrund seiner Schuld nicht zu Gott gelangen kann, zieht Thomas erneut die Einsicht heran, dass ein Freund durch einen Freund handeln kann und so etwas bewirken kann, was ihm, auf sich gestellt, unerreichbar wäre: „Wo zwei Menschen eins in der Liebe sind, kann einer für den anderen genugtun.“ („Inquantum etiam duo homines sunt unum in caritate, unus pro alio satisfacere potest.“)19 Genau mit diesen Worten begründet Thomas die Genugtuung Christi für die Menschen.

Wenn aber die Möglichkeit der Zuwendung des Menschen zu Gott trotz der Defizienz seiner natürlichen Kräfte und auch die Überwindung der von ihm selbst nicht sühnbaren Schuld mit Hilfe der Freundschaftskategorie erklärt wird, spricht viel dafür, sie als Erklärungsmodell für die Interpretation der gesamten thomanischen Erlösungslehre heranzuziehen.

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17 Vgl. STh III 1,1 obj. 2: „...quae sunt infinitum distantia, inconvenienter iungantur: ... Sed Deus et caro in infinitum distant“.
18 „...natura non deficit homini in necessariis, quamvis non dederit sibi arma et tegumentaa sicut aliis animalibus, quia dedit ei rationem et manus, quibus possit haec sibi conquirere; ita nec deficit homini in necessariis; quamvis non daret sibi aliquod principium quo posset beatitudinem consequi; hoc enim erat impossibile. Sed dedit ei liberum arbitrium, quo possit converti ad Deum, qui eum faceret beatum. Quae enim per amicos possumus, per nos aliqualiter possumus, ut dicitur in III Ethic.“ STh I-II 5,5 ad 1; vgl. STh I-II 17,1; NE III,3 (1112b27).
19 „...caput et membra sunt quasi una persona mystica. Et ideo satisfactio Christi ad omnes fideles pertinet sicut ad sua membra. Inquantum etiam duo homines sunt unum in caritate, unus pro alio satisfacere potest.“ STh III 48,2 ad 1. Auf die Möglichkeit der „Genugtuung in der Liebeseinheit“ in der Gottesliebe wird ebenfalls im Supplementum zur STh hingewiesen: „Insofern jemand in der Liebe mit Christus verbunden ist und sich so zu ihm verhältwie ein Glied eines Leibes zu seinem Haupt, kann Christus für den Menschen die Genugtuung (satisfactio condigna) leisten, zu der ein Mensch mit seinen natürlichen Mitteln nicht fähig ist.“ Suppl. 13,2.