III. Das Neuverständnis: Erlösung als Freundschaft
1. Freundschaft als Beschreibung des erlösten Daseins

Dass Thomas in der Summa Theologiae Elemente der aristotelischen Freundschaftslehre rezipiert, um mit ihr das erlöste Dasein des Menschen zu beschreiben, ist oft hervorgehoben worden.20 Mit der Kennzeichnung der Gemeinschaft des Menschen mit Gott in der Gottesliebe (caritas) als Freundschaft (amicitia) übernimmt Thomas zugleich auch die in der Nikomachischen Ethik aufgezählten Wesensmerkmale einer Freundschaft:21
Im Anschluß an aristotelische Terminologie und Gedankenführung wird auch die Gottesfreundschaft eine wechselseitige, den Partner um seiner selbst willen meinende Liebe genannt, die eine communicatio voraussetzt und begründet. Das aristotelische Freundschaftskriterium einer „wechselseitigen unverborgenen Liebe“ (mutua benevolentia non latens)22 findet in der Eingangsfrage der thomanischen Christologie seine Entsprechung: Weil sich menschliche Erkenntnis und Liebe immer mit etwas „Körperlich-Wahrnehmbaren“ verbindet, entspricht es den Bedingungen, unter denen sich Menschsein faktisch vollzieht, dass die Menschen per corporalia zum Heil geführt werden23, dass das „Unsichtbare“ Gottes durch „Sichtbares“ geoffenbart wird24, dass die Liebe Gottes „wahrnehmbar“ wird und in Leben, Leiden und Tod Christi auf höchste Weise „nach außen tritt“ und manifest wird. Was die göttliche Liebe in sich ist, weiß der Mensch in thomanischer Sicht nur in Bezug auf diese Offenlegung der Liebe Gottes in der Menschheit Jesu Christi. Von wirklicher Freundschaft kann man allerdings nach der aristotelischen Freundschaftskriteriologie erst dann bzw. genau dann sprechen, wenn die wechselseitig bezeugte Liebe auch vom jeweiligen Partner geglaubt wird, - übertragen auf die Gottesfreundschaft und mit den Worten des Thomas gesprochen - wenn der Mensch Gottes Liebe glaubt. Und eben dies kann als Quintessenz des thomanischen Glaubenstraktates bezeichnet werden.25

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20 Vgl. etwa Christmann, Heinrich Maria, Thomas von Aquin als Theologe der Liebe, Heidelberg 1958.
21
„Thomas folgt Aristoteles Schritt für Schritt und akzeptiert jede seiner zur ‘ratio amicitiae’ geforderten Bedingungen, aber er bürstet ihn, wenn das Wort erlaubt ist, gleichsam gegen den Strich, indem er alle gedanklichen Elemente des Freundschaftsbegriffs, die Aristoteles in horizontaler Linie anordnet, in einer von Gott eröffneten Vertikalen zusammenführt. ... Es ist die geniale und doch höchst einfache theologische Intuition des Thomas, daß es nur einer Vierteldrehung nach rechts oder links bedarf, um aus der philosophischen Freundschaftstheorie des Aristoteles ein Verstehensmodell der dem Menschen von Gott geschenkten ‘caritas’ zu gewinnen, das an innerer Kohärenz und interpretatorischer Leistungskraft seinesgleichen sucht.“ Schockenhoff, Eberhard, Bonum hominis, S. 516. Vgl. Anm. 4.
22 Vgl. NE VIII,2 (1155b34-1156a3) und In Eth. VIII,2 (nr. 1560). Wie jedwede Liebe einer vorausgehenden „Wahrnehmung“ (visio) bedarf, so ist es erst recht für eine Freundschaft notwendig, dass die Liebe gewissermaßen „nach außen“ hervortritt; d.h. ein liebender Mensch muß, damit es zu einer Freundschaft kommen kann, seine „verborgene“ Liebe bekanntmachen und bezeugen. Freundschaftsliebe ist somit gerade das Gegenteil einer „verborgenen“ oder „anonymen“ Liebe. Der Freundschaftsbegriff der NE fordert, dass zwei Menschen sich ihre Liebe füreinander gegenseitig auch entdeckt haben. Vgl. auch NE IX (1166b31-32) bzw. In Eth. IX,5 (nr. 1821).
23 „Sed quia homo, deserto Deo, ad corporalia collapsus erat, conveniens fuit ut Deus, carne assumpta, etiam per corporalia ei salutis remedium exhiberet.“ STh III 1,3 ad 1.
24
„...illud videtur esse convenientissimum ut per visibilia monstrentur invisibilia Dei“. STh III 1,1 Sed contra; vgl. ScG IV 54: „Ad hoc igitur quod familiarior amicitia esset inter hominem et Deum, expediens fuit homini quod Deus fieret homo, quia etiam naturaliter homo homini amicus est: ut sic, „dum visibiliter Deum cognoscimus, in invisibilium amorem rapiamur“.“
25 Vgl. Dörnemann, Holger, Freundschaft als Paradigma der Erlösung. Eine Reflexion auf die Verbindung von Gnadenlehre, Tugendlehre und Christologie in der Summa Theologiae des Thomas von Aquin, Würzburg 1997, Kap. 3 in Verbindung mit den Kap. 5, 7 und 8, bes. S. 177f.