III. 2. Freundschaft als Beschreibung des Erlösungsgeschehens

Will man aber mit dem Freundschaftsgedanken nicht eben nur das Ergebnis der Erlösung, sondern auch den Vollzug des Erlösungsgeschehens zu erklären versuchen, können Einwände geltend gemacht werden. Dient die Freundschaftskategorie Thomas letztlich nicht doch nur einer nachträglichen Veranschaulichung des menschliche Deutungskraft und -muster grundsätzlich übersteigenden Erlösungsgeschehens? Die in der Nikomachischen Ethik entfaltete Kriteriologie, so lautet ein Einwand26, scheint sich einer Interpretation des Erlösungsgeschehens entgegenzustellen: Wenn nämlich einerseits, wie Aristoteles in der NE ausführt, die „Gleichheit“ (nicht nur Wirkung, sondern auch) Voraussetzung einer Freundschaft ist, und andererseits die „Sünde“ tatsächlich eine größtmögliche Distanz und Ungleichheit zwischen Gott und Mensch bewirkt hat, scheint eine Freundschaft nur durch eine ihr vorausgehende „Gerechtmachung“ bzw. „Gleichmachung“ möglich zu werden. Eine wie auch immer verstandene vorausgehende „Gerechtmachung“ würde aber durch das Freundschaftsparadigma nicht mehr erklärt werden können, so dass der Versuch, die Erlösungslehre des Thomas von Aquin insgesamt durch die Freundschaftslehre zu erschließen, schon bald an sein Ende käme.

Doch genau betrachtet, spricht Thomas an einschlägigen Stellen nicht von einer vorausgehenden „Gerechtmachung“, sondern von einem - mit dem Freundschaftsgedanken zu vereinbarenden - „Zugleich“ von Vergebung und Genugtuung und Befreiung zu Glaube und Liebe:27 Wenn nämlich in der Liebe Christi und im Ankommen dieser Liebe (der Gnade) dieselbe Liebe Gottes erfahren wird und dabei die geschichtliche Konkretion der Liebe in Jesus Christus die Möglichkeitsbedingung für die Annahme dieser Liebe unter den faktischen Bedingungen ist, in denen Menschsein sich vollzieht, dann ist die genugtuende Liebe Christi und das Ankommen dieser Liebe ein Geschehen, dann geschieht die Gleich- und Gerechtmachung (zugleich)  in der Liebe, die in Christus offenbar wurde, in der Annahme dieser Liebe, in der antwortenden Freundschaftsliebe und zuallererst im Glauben dieser Liebe. Die genugtuende Liebe Christi geschieht nicht in einem juridischen oder zeitlichen Sinn vor der Konstitution der Freundschaft, sondern zugleich mit bzw. in der Konstitution der Freundschaft.28 Das bedeutet aber auch, dass das gesamte Erlösungsgeschehen sich als ein Freundschaftsgeschehen verstehen läßt. Mit Hilfe des Freundschaftsparadigmas ist es möglich, forensische Assoziationen ebenso wie Vorstellungen, die Genugtuung und Rechtfertigung in der Gnade als zwei voneinander getrennte bzw. nur indirekt aufeinander bezogene Vollzüge interpretieren, gänzlich aus der Erlösungslehre herauszuhalten.

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26 Mit dieser Argumentation spricht Pesch, Otto Hermann, Theologie der Rechtfertigung, 561 f. (vgl. Anm. 11), der Interpretation der Genugtuung Christi durch die „Liebeseinheit“ bzw. durch das „Haupt-Glieder-Modell“ eine systematische Bedeutung in der STh ab.
27 Vgl. zum Folgenden: Dörnemann, Holger, Freundschaft als Paradigma der Erlösung, S. 176 ff. Vgl. Anm 25.
28 Bestätigt wird diese Lösung, die mit Hilfe des Freundschaftsparadigmas die Genugtuung (in der Liebe) und das Ankommen dieser Genugtuung (in der antwortenden Liebe) im Menschen als einheitliches Geschehen (der Freundschaft) interpretiert, auch dadurch, dass sich ja auch die beiden Grenzen menschlicher Handlungsmöglichkeit (Schuld; das Ohne-Gnade-Sein) wechselseitig implizieren: Denn wie der Mensch in dem einen Akt der Sünde zugleich schuldig wird und die Gnade verliert, so wird dem Menschen ebenso in der Freundschaftsliebe seine Schuld nachgelassen und die Gnade gegeben.