IV. Resümee

Mit dem Versuch, mit Hilfe der Freundschaftskategorie nicht eben nur das erlöste Dasein des Menschen, sondern auch das Geschehen der Erlösung selber zu beschreiben, können drei weitere miteinander zusammenhängende - und vielleicht gerade für die heutige Theologie interessant erscheinende - Ergebnisse sichergestellt werden.

1. Zunächst zeigt sich - indem das Freundschaftsparadigma die unterschiedlichsten Fragestellungen und scheinbar in einem losem Bezug zueinander stehenden Themengebiete zusammenschauen läßt -, dass die aus methodischen Gründen getrennt behandelten Traktate der Christologie, Gnaden- und Tugendlehre sachlich eine Einheit bilden und das eine Erlösungsgeschehen aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben. Eine sich auf Thomas berufende Theologie muß diese sachliche Einheit von Christologie, Gnaden- und Tugendlehre im Blick behalten und kann mittels der Freundschaftskategorie die theologiegeschichtlich immer umstrittene Frage nach der soteriologischen Relevanz der Christologie und der christologischen Bestimmtheit der Gnade erklären.

2. Daneben ist für eine „anthropologisch“ ansetzende Theologie von heute von besonderem Interesse, dass Thomas mit Hilfe der Freundschaftskategorie auch auf die Bedeutung der menschlichen Freiheit in der Erlösung eingeht. Kommt man bei der Beschäftigung mit der thomanischen Theologie im allgemeinen und seiner Gnadenlehre im besonderen immer wieder zu dem Ergebnis, dass man von der Gnade nicht sprechen kann, ohne zugleich auch die Bedeutung der menschlichen Freiheit für die Begnadung mitanzusprechen35, zeigt sich mit Hilfe der Freundschaftskategorie, dass sich die Soteriologie insgesamt aus einer anthropologischen Perspektive erschließen läßt. Indem das Freundschaftsparadigma zur Deutung der Soteriologie herangezogen wird, kann die sich im Modus einer Freundschaft vollziehende Erlösung als freies, selbstbestimmtes Handeln des Menschen verstanden werden, ohne das „Voraus“ der göttlichen Gnade bzw. des Christusereignisses in Abrede zu stellen. Damit werden die vielzitierten Aussagen der STh, dass der Mensch weder gegen noch ohne seinen freien Willen erlöst wird, dass die Erlösung die menschliche Natur nicht ausschaltet, sondern sich gemäß den menschlichen Strukturen vollzieht, in ihrem Anliegen verstehbar. So kann die thomanische Soteriologie-Konzeption auch heute noch einer der „anthropologischen Wende“ verpflichteten Theologie als Anregung und Beispiel dienen, die Soteriologie insgesamt in einer anthropologischen Perspektive zu lesen und verstehbar zu machen.

3. Indem das Freundschaftsparadigma letztlich die Bedeutung des geschichtlichen Christusereignisses in seiner soteriologischen Funktion expliziert, kann es auch heute noch als Interpretament im innerkirchlichen wie im interreligiösen Dialog dienen, um die spezifisch geschichtliche Dimension des christlichen Glaubens herauszustellen. Damit ist das entscheidende Novum der thomanischen Erlösungslehre durch die Freundschaftskategorie angesprochen: dass sie die Möglichkeit einer reflexen und personalen Gottesbeziehung unter Voraussetzung und Wahrung der geschichtlichen Verfaßtheit menschlicher Existenz auszusagen versucht.

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28 Vgl. ebd., Kap. 1-5.7-9, bes. Kap. 2.