“Alles was ich gesagt habe, erscheint mir wie Spreu.”
Zum 730. Todestag von Thomas von Aquin (1224/5-1274)

Diese Worte des wohl größten Kirchenlehrers der noch ungeteilten Christenheit soll Thomas von Aquin am 6.12.1273 gut drei Monate vor seinem Sterbetag am 7. März 1274 gesagt haben. Wie auch immer begründet - ob verursacht durch einen körperlich-geistigen Zusammenbruch oder aufgrund eines mystischen Erlebnisses  -,  weist dieser paradox anmutende Satz aus dem Mund eines der wirk- und schaffenskräftigsten Theologen der Kirchengeschichte wie in einem Brennglas auf das hin, was man als den ‘verborgenen Notenschlüssel’ (J. Pieper) seines Schaffens bezeichnet hat. G.K. Chesterton spielt auf diesen ’verborgenen Notenschlüssel’ an, wenn er die Demut des Gelehrten bei Thomas in einer besonderen Ausprägung verwirklicht sah. “Er war bereit, den niedrigsten Platz einzunehmen, um die niedrigsten Dinge zu erforschen. Er hat nicht, wie es die Spezialisten tun, den Wurm so studiert, als sei er die Welt, aber er war bereit, die Erforschung der Realität mit der Erforschung der Realität eines Wurmes zu beginnen.“ Er ging davon aus, “dass die Erforschung der bescheidensten Dinge schließlich zu den höchsten Wahrheiten führt.” Dieser in Thomas' Schöpfungsglauben begründete Denkansatz beschreibt den Boden, auf welchem er die hohen kathedralenhaften Gedankengebäude und  theologischen  ‘Summen’ aufgipfeln konnte, die ihn zu d e m Theologen und Philosophen der Katholischen Tradition haben werden lassen. Die dem Menschen im Licht seiner Vernunft wahrnehmbare Wirklichkeit ist Grundlage und Ansatzpunkt des im Licht der Gnade vollendet aufscheinenden Schöpfungs- und Vollendungswirkens Gottes. Die Gnade setzt die Natur voraus und vollendet sie, wie es in diesem Zusammenhang in einem Zentralsatz der thomanischen Gnadenlehre heißt. Dieser harmonische Gleichklang der beiden Erkenntnisweisen, des Glaubens und der natürlichen Vernunft, gehört seit Thomas zu einem die katholische Tradition seitdem nicht mehr loslassenden und bis heute bindenden Vermächtnis der mittelalterlichen Theologie, das Papst Johannes Paul II. in seiner unlängst veröffentlichten Enzyklika ‘Fides et ratio’ von den beiden Flügeln hat sprechen lassen, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. Gegen alle - wenn auch gut meinenden - Kritiker wird immer noch mit Thomas davon ausgegangen, dass der Glaube nicht in einen wirklichen Gegensatz zur Vernunft gebracht werden kann. Einmal weil beide Erkenntnisquellen - wie gesagt - zwei (wenn auch unterschiedliche) Sichtweisen auf ein und dieselbe Wirklichkeit sind und andererseits, weil sie sich per definitionem gar nicht widersprechen können. “Entweder etwas wird gewusst, dann ist es nicht Gegenstand des Glaubens, oder es wird geglaubt, dann ist es nicht Gegenstand des Wissens.”  (Weshalb es Thomas immer auch nur daran gelegen war den Glauben zu verteidigen, und nicht ihn zu beweisen.) Diese ins Stammbuch der Christenheit eingeschriebene theologische Denkanweisung das ‘Plus’ der Offenbarung nicht durch eine Abwertung der natürlichen Vermögen des Menschen, sondern als deren Vollendung auszudrücken, gehört zu der größten theologischen Fingerübung, an denen sich Generation für Generation die stärksten und vermögendsten Kräfte immer wieder neu versuchen. Und wo es gelingt, scheint immer zugleich die große Demut des Heiligen auf, die Chesterton als ureigenstes Attribut des Thomas bezeichnet hat und die gerade in den Worten kurz vor seinem Sterbetag ebenso wie in seinem gesamten wissenschaftlichen Lebenswerk beinahe in jedem Satz zum Ausdruck kommt.

                                                                                                 Dr. Holger Dörnemann

Thomas von Aquin - ein aktueller Heiliger ?